Der Figuren-Sammler und Begründer des Museums für PuppentheaterKultur in Bad Kreuznach war sehr gut mit Till de Kock befreundet. Rother verfasste den Entwurf eines Artikels zum Leben und Wirken von Till de Kock, der leicht überarbeitet hier veröffentlicht wird.

Till de Kock –

ein Meister des Figurenbau von Karl-Heinz Rother

Till de Kock wurde am 16.02.1915 in Belgien geboren. Sein Vater war Berufssoldat bei der belgischen Armee. Nach dem ersten Weltkrieg kam er als Besatzer nach Deutschland, die Stationen waren Duisburg, Moers und Aachen. Till verlebt einen Teil seiner Jugend in Deutschland, besucht dort die Volksschule und später die Mittelschule. Mit 12 Jahren tritt er in die Kadettenschule ein. Neben dem Militärdienst wird Sport groß geschrieben, es bleibt Zeit, um sich mit Psychologie, Pädagogik und Theaterwissenschaften zu beschäftigen. Außerdem nimmt er Privatunterricht bei einem Professor in Malerei. Nach der Kadettenschule tritt er mit 16 Jahren in die belgische Armee ein – 1939 Krieg gegen Deutschland – Gefangenschaft in Pommern – 1942 meldet er sich freiwillig zur Legion Flandern – 3 Jahre Krieg in Russland. 1945 Kriegsende in Holstein, hier lernt er Hildegard Hartmann kennen, sie nimmt ihn bei sich auf, sie wohnen in Kiel, Geibelallee 10a. Der Berufssoldat sucht nach einem Zivilberuf, wird Umschüler zum Maurer.
Weihnachten 1946 wünscht sich Hildes Sohn Dieter Kasperpuppen. Till fragt: „Was ist das?“ – „Das sind Holzfratzen, die man auf die Finger nehmen und dann damit spielen kann.“ Till forscht nach und fängt an zu schnitzen. Was dabei herauskam erregte Bewunderung, Freunde und Bekannte kamen und wünschten sich auch solche Figuren. Von jetzt an wurde jede freie Minute dazu genutzt, Kasperpuppen für die Kinderhand zu schnitzen. Hilde zog sie an. Weihnachten 1947 sind es 500 Puppen sowie Kunstgewerbe und Spielzeug, die auf der Bestellliste stehen sowohl für Privat als auch für das Albrecht Dürer- Haus. 
1947 wird Tochter Heidi geboren. Till sieht eine Aufführung des Puppenspielers Willi Pfitzner – „Ach so ist das!“ Till begreift dass die Puppe nicht nur Kinderspielzeug ist, sie ist Darsteller in einer eigenständigen Theaterform. Es beginnt die Zeit der Orientierung, der Suche nach geeigneter Puppen-spielliteratur um Spielformen und Spielinhalte kennen zu lernen. Sie bleiben mit Pfitzner in Verbindung und bekommen ihren Auftrag: die Handpuppen für das Stück „Das Teufelsschloss“. Die Entscheidung, eine Existenz im Figurenbau aufzubauen, stand im Raum. Till: „Ich schnitze die Köpfe und die Körper, aber wer zieht sie an?“ Hilde: „Ich ziehe sie an“. Till: „Kannst du das?“ Hilde: „Dann werde ich es lernen“.
Um vom Figurenbau leben zu können brauchten sie Aufträge. Mit einer Anzeige in der Zeitschrift „Der Puppenspieler“ suchten sie Kontakt zu Berufs-puppenspielern und Freunden des Puppenspiels. Es wird eine eigene Bühne eingerichtet „Der Holsteinische Kasperle“. So steht auf einem Theaterzettel „Der Holsteinische Kasperle“ spielt am Sonntag den 12.9.48 um ll:OO Uhr „Der Schweinehirt“, ein Märchen von Andersen. 10 Pfg. nicht vergessen!
Paul Thiele, Angestellter bei den Kieler Nachrichten als Puppenspieler für den KN-Kasper, kam zu Till und bestellte einen Faustsatz. Thiele war ein exzellenter Puppenspieler mit einem hohen Qualitätsanspruch. Der Auftrag wurde eine Herausforderung für Till de Kock. Der Faustsatz den er 1948 für Thiele gearbeitet hat, zeigt die Spuren einer außergewöhnlichen Begabung. Aus einem laienhaften Puppenkopfschnitzer hat sich Till de Kock zu einem Meister entwickelt, der auf dem Weg war zu einem genialen Figurengestalter, der Weltruhm erlangen sollte. Es war die Zeit, von der er später sagte, dass diese seine kreativste war, als der Zeichenblock auf seinem Nachttisch lag und es schon mal eine schlaflose Nacht gab, um die Typen einer Inszenierung zu charakterisieren.
Auf der Suche nach einer schnelleren Arbeitsmethode wollte Till es mit Drechseln versuchen. Aus einer ehemaligen Lafette wurde eine Drechselbank gebaut, Till lernte bei einem alten Drechsler drechseln, die ersten gedrechselten Puppenköpfe entstanden. Wieder begann der Lernprozess. Um seine Ideen und Vorstellungen von der Kopfgestaltung umzusetzen, suchte er nach Möglichkeiten die Starrheit der Grundform zu lösen. So hat er auch in einer zweiten Achse gedrechselt, weiterhin auch die Achsen mehrfach gewechselt. Es wurden Passagen weg geschnitten und geschliffen. Die Gesichtslinien, die Augenhöhlen und die Mundwinkel wurden geschnitzt oder mit der biegsamen Welle gefräst und geschliffen. Nase und Ohren mussten eingesetzt werden. Auch hier hat er ständig experimentiert. So hat er eine Zeit lang Lederplättchen als Ohren angenagelt, bis er dazu überging Holzteile in die Grundform einzusetzen, diese anzuschnitzen und übergangslos zu schleifen. Mit dieser Technik wurden so großartige Inszenierungen wie „Der Teufel mit den 3 goldenen Haaren“ oder „Der Diener zweier Herren“ geschaffen. In diesem Arbeitsprozess war der zeitliche Aufwand der gleiche wie bei einem geschnitzten Kopf, aber die Formenvielfalt wurde erheblich erweitert.
1950 stand der Umzug nach Schilksee an, Hilde und Till hatten einen Luftschutzbunker gemietet. Hier wurden eine Wohnung, eine Werkstatt und ein Theaterraum eingerichtet. Die Puppenspielszene wurde auf ihn aufmerksam. Friedrich Arndt kam mit einem Puppenkopf und bat Till ihn nachzuschnitzen. Die Hohnsteiner Werkstatt Kürschner brauchte „Hohnsteiner Köpfe“ für den Versand – Kunst geht nach Brot – und Till schnitzte 9 cm Köpfe für 4,5O DM – 10 Stück am Tag in einer hervorragenden Qualtität. Die Serie hatte ihn wieder eingeholt. Max Jacob kam: „Sie machen auch schöne Puppen“. Der Kontakt zu den Hohnsteinern beeinflusste seinen Stil und seine Farbgebung, damit seine Figuren denen von Theo Eggink angepasst waren. Till erkannte, dass sich die filigrane Schnitztechnik von Theo Eggink im Bühnenraum und der Entfernung verliert. Er begann großflächiger, die gedrechselten Figuren auch abstrakt zu arbeiten. Trotzdem können seine Figuren mit den Figuren von Theo Eggink kombiniert werden, so geschehen mit dem Faust-Kasper für Friedrich Arndt, und „Die rote Lu“ für Harald Schwarz.
Paul Thiele wollte einen neuen Kasper aber keinen Hohnsteiner, eine Vorstellung hatte er nicht. Till sollte sich etwas einfallen lassen. Der Kasper war fertig, Thiele kam und sah ihn sich an – und polterte los: „Was? Das ist doch kein Kasper, mit so einem Mist soll ich spielen“? – „Wenn du ihn nicht willst, lass ihn hier.“ Paul Thiele nahm ihn und zog grollend ab. Ein paar Wochen später rief Paul Thiele an: „Du, das ist der beste Kasper, den du für mich gemacht hast. Die Leute sind begeistert“.
Till de Kock war längst aus dem Schatten der bekannten und berühmten Figuren schaffenden Künstler herausgetreten. Er war selbstbewusster geworden. Er hatte die handwerklichen und gestalterischen Fähigkeiten erworben, die die Voraussetzung sind, um die Aufgabenstellung eines Berufspuppenschnitzers zu erfüllen. Die Umsetzung der aus dem Text oder den Vorstellungen des Puppenspielers geforderten Charaktere in Holz ist ein künstlerischer Prozess, der höchste Anforderungen stellt. Die so geschaffenen Charaktere müssen den Typ in der Rolle, wie diese Figur auf der Bühne gedacht ist, glaubhaft wiedergeben. Sie müssen gleichzeitig im Kontext mit den übrigen Figuren einer Inszenierung stehen, wie Till de Kock sagt: „Eine Inszenierung muss aus einem Guß sein!“ Ein Puppenspieler muss sich mit seinen Figuren identifizieren können. Um diese Grundsatzforderung erfüllen zu können benötigt der Figurenbauer neben seinen
handwerklichen und gestalterischen Fähigkeiten ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen. Dieser Prozess stellt sich vor jeder Auftragsannahme, das trifft selbst für die Puppenspieler zu, für die der Figurenbauer ständig arbeitet. Mit Stolz sagt Till de Kock: „Ich kann einem Stück Holz eine Seele einhauchen“. Die Verwandlung geschieht, wenn die Figur im Bühnenraum erscheint – der Liebreiz der Prinzessin – die Mütterlichkeit der Großmutter – der Schelm, Narr und Allerweltskerl, der Kasper alias Hans Wurst – die teuflische Verschlagenheit des Mephisto, ihnen allen steht es ins Gesicht geschrieben, die erhabene, die verruchte, die lachende und freundliche, die ernste und traurige Mimik, ein Synonym des Menschlichen und Allzumenschlichen.
Worin liegt das Geheimnis, dass seine Figuren diese Ausstrahlung, diese Lebendigkeit bekommen haben? Seinen Schülern öffnet er sich, es ist die Grundform des Kopfes, die Größe und Form der Nase, die Gesichtslinien die anatomische Kenntnis voraussetzen, der Spannungsbogen der Augen – der Abstand er Augen ist das dritte Auge -, die ungleichen Gesichtshälften, die gehobenen oder gesenkten Mundwinkel – die Oberlippe, die nach der Nase der vorderste Punkt ist – und immer wieder die Tiefe, es ist die Harmonie in Form und Stil. Die Dominanz einer Figur ist in den Proportionen zu berücksichtigen. Ein Stich ist daneben gegangen: “ Man muss aus der Not eine Tugend machen.“ Die Norm ist kein Dogma, sie darf eine fantasie- und ideenreiche Gestaltung nicht verhindern.
Die Bedeutung der Puppe im Theatergeschehen zeigt sich in der Verflechtung der Elemente. Die Gestalt der Puppe im Bühnenraum, die Sprache, die Beleuchtung, die Musik und der Ton lassen im dramatischen Zusammenwirken die Illusion zu, dass die Puppe lebt. Hier, und nur hier kann sich die Faszination des Puppenspiels entfalten.
Vielleicht kann nur derjenige die Künstlerpersönlichkeit Till de Kock begreifen der ihn in seiner Werkstatt erlebt hat. Um sieben Uhr klingelt der Wecker, – Morgentoilette,- anziehen,- frühstücken,- den Schlüssel vom Haken nehmen, über die Außentreppe geht der Weg in die Werkstatt. Die Schürze von der Rückenlehne des Werkstattstuhls nehmen, den Werkstattofen anheizen. Es ist acht Uhr, das Tagewerk kann beginnen. Der Auftragszettel mit der Auflistung der bestellten Figuren ist aufgespickt, die vorbereiteten Schablonen liegen auf der Ablage. Die benötigten Lindenholzblöcke sind in den Wandregalen hinter der Werkstatt-Tür und der hinteren Werkstattwand, exakt auf Maß geschnitten für die Kopfgrößen von 13 bis 16 cm, aufgestapelt. Sie wurden aus Holzbohlen bis ll cm Stärke gesägt. Die Schablone wird auf den passenden Block aufgelegt, der Kopf im Profil aufgezeichnet und an der Bandsäge ausgesägt. Es wird die Mitte senkrecht angezeichnet, der Halsansatz, die Nasenbreite, die Ohren und im zweiten Arbeitsgang wird die grobe Form fertig ausgesägt. Die Vorarbeit an der Bandsäge hat den Vorteil, dass die Details festgelegt sind bevor mit dem Schnitzen begonnen wird. Der Kopf wird in die Hobelbank mit Bankhaken eingespannt, die mit Holzscheiben abgesichert sind. Mit breiten Schnitzeisen wird rundum alles Überflüssige weg geschlagen, mit der Sicherheit einer tausendfachen Erfahrung. Der Weg in die Gesichtsform beginnt an der Nase. Sie wird im Profil frei gelegt. Dabei werden die Nasenflügel in die Binnenform zurückgedrückt. Jetzt geht es Schnitt auf Schnitt in die fertige Form. Man spürt förmlich den Willen zur Gestaltung, die Kompromisslosigkeit der Formgebung: Es gibt kein Vielleicht oder ein Auch! Das ist die Form, das ist das Eisen, so muss sie werden, so wird sie auch. Der Hals mit der Kostümrille wird gedrechselt. Vom fertigen Kopf wird am Hinterkopf eine Scheibe abgespaltet und mit einem Forstnerbohrer wird der Kopf ausgehöhlt. Mit Schnitzeisen erfolgt dann die Feinarbeit, bevor die abgespaltete Scheibe wieder angeleimt wird.
Der fertige Kopf wird bis zur Farbgebung im Glasschrank abgestellt. Es ist ca. 11 Uhr, die Schnitzbank wird gesäubert, der nächste Kopf vorbereitet. Um 12 Uhr 15 geht der Gong, Hilde ruft zum Essen. Nach dem Essen eine kurze Pause, dann wieder Schürze an und weiter. Bis zum Kaffee um 16 Uhr steht der zweite fertige Kopf im Glasschrank. Die Farbgebung erfolgt in der Regel an den Wochenenden. Till verwendet Nitrolacke, seidenmatt, stark verdünnt, damit die Figuren im Rampenlicht nicht glänzen. Nein, keine Schattierungen bei Hohnsteiner Köpfen: „Max Jacob lehnt sie ab, also lasse ich das.“
Der Ausgleich ist der tägliche Gang über den Bühberg und dreimal in der Woche Tennis.
Von den Figuren und Figurensätzen, die Till in diesen Jahren geschaffen hat, zählen viele zu seinen Meisterwerken. Till de Kock hat den Zenit seiner künstlerischen Entwicklung erreicht. Die Auftragsbücher sind gefüllt, leider auch mit Serienaufträgen. Die Wartezeit kann bis zu zwei Jahren betragen. In der Puppenspielszene ist der Hohnsteiner Stil stark verbreitet, deshalb werden immer wieder die gleichen Typen verlangt. Das hat einen solchen Umfang angenommen, dass es in der Szene schon hieß – „der kann ja nur Hohnsteiner“.
1962 stand wieder ein Umzug an. Das Bunkerleben waren Sie leid. In einer leerstehenden Zündholzfabrik in Bad Lauterberg-Barbis fanden sie ihr Domizil. Auf 240qm konnten sie ihre Wohn- und Arbeitsräume einrichten. Die Produktion lief auf Hochtouren, es gab kaum noch eine namhafte Puppenbühne in Westdeutschland die noch keine Puppen vom Atelier Kock hatte. Er stand jetzt im ständigen Dialog mit einer Reihe von namhaften Puppenspielern wie Fritz Leese, Lutz Werner Bille, Peter Steinmann, Helmut Selje, Dieter Brunner, Jeff Contryn, Willi Biondino, um nur einige zu nennen. 
Mit dem Stück „Der klingende Teppich“ wollte Friedrich Arndt die Enge des Hohnsteiner Stils erweitern. Die Inszenierung, die als musikalische Pantomime konzipiert war, benötigte Figuren, die eine klar erkennbare Charakteristik hatten. Friedrich Arndt kam nach Barbis ohne eine bestimmte Vorstellung, nur mit dem Vorsatz etwas Neues zu bringen. Till schlug vor die Köpfe zu drechseln. Der Vorschlag wurde akzeptiert, allerdings bestand Friedrich Arndt darauf, dass der Kasper geschnitzt wird. Einen gedrechselten Kasper konnte er Max Jacob nicht antun. In einer Mammutsitzung wurden die Typen entwickelt und zeichnerisch festgehalten. Die Figuren, die Till nach diesen Entwürfen geschaffen hat, sind meisterhaft.
Diese Inszenierung hat auch die Hohnsteiner Bühne Harald Schwarz veranlasst, für das Stück „Die rote Lu“ gedrechselte Figuren einzusetzen. Die hervorragende Resonanz dieser Inszenierungen im In- und Ausland brachte jetzt die Puppenspieler aus aller Welt nach Barbis. Die anfänglich beschwerlichen und entbehrungsreichen Jahre gehörten jetzt der Vergangenheit an. Die Familie lebte jetzt in einem – wenn auch bescheidenen – Wohlstand.
1976 folgte ich einer Einladung nach Barbis, um von dem Meister die Kunst des Figurenschnitzens zu lernen. Ich hatte ein paar Köpfe mitgenommen und legte sie dem Meister vor, er sah sie sich an und schlug vor, dass ich zu ihm in die Werkstatt kommen soll. Dieses Angebot habe ich gerne angenommen und war von da an jährlich zwei bis dreimal für jeweils acht Tage in seiner Werkstatt. Für mich wurde Till de Kock nicht nur ein Lehrmeister in Sachen Figurenschnitzen, er wurde auch für meine Sammlung eine wichtige Bezugsperson. Von ihm habe ich gelernt, Figurentheater zwischen Schein und Sein zu unterscheiden. Dass man dieser Theaterform, in der nicht der Mensch, sondern die belebte Materie der Darsteller ist, nur mit höchstem Anspruch begegnen darf, wenn man ihr gerecht werden will. 1981 haben sich Hilde und Till mit dem Erwerb eines Hauses auf dem Buhberg in Barbis einen Traum erfüllt. Die Wohn- und Werkstatträume waren nicht mehr so geräumig, aber schon auf einen Altersruhesitz hin zugeschnitten. Die Zeit, als der Zeichenblock auf seinem Nachttisch lag war längst vorbei. Die Aufträge, die jetzt erteilt wurden, entsprachen dem, was die Puppenspieler bei anderen oder auf Abbildungen schon gesehen hatten. Es ist nicht mehr feststellbar wie viele Kasper-, Faust-, Hotzenplotz- oder Märchensätze in den Jahren geschaffen wurden. Deshalb war Till froh, wenn er mal wieder gefordert wurde. Ein Plagiat bleibt ein Plagiat und in der Serie wird die Form flacher. Das hatte zur Folge, dass er wieder einmal von vielen falsch eingeschätzt wurde.
1985 hatte ich die Gelegenheit, in einer groß angelegten Ausstellung im Stadtmuseum in Bochum die Werke seiner Schaffensphasen zu präsentieren. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Puppenspiel wurden seine Werke zusammengetragen, aus Belgien und aus vielen Teilen Westdeutschlands. Mit rund 450 Figuren wurden die große Vielfalt und der hohe künstlerische Wert seines Lebenswerkes überzeugend dargestellt.
Was hier im weiten Rund aufgebaut war versetzte den Besucher in Erstaunen. Hier war sie zum ersten Mal sichtbar, die ganze Bandbreite seines künstlerischen Schaffens. Für mich war diese Ausstellung eine Reverenz an meinen Freund und großen Meister.
Die Entwicklung des Puppenspiels nach dem 2. Weltkrieg wurde stark von Till de Kock beeinflusst. Er gehört der Generation an, die zwei Weltkriege erlebt hatte. Diese Zeit war geprägt durch den Verlust der Werte und die  Veränderung der Lebensformen und Inhalte. Seine kulturellen Wurzeln sind in Flandern, es ist erstaunlich wie er durch seine Jugendjahre in Deutschland die deutsche Mentalität in sich aufgenommen hat. Es war die Unvoreingenommenheit, die frei war von Ressentiments, die es ihm ermöglichte die Ursprünge der Volkstraditionen zu erkennen. Das Unverlierbare in sich aufzunehmen und weiterzugeben war die Plattform seines künstlerischen Schaffens. Es ging nicht darum am Althergebrachten festzuhalten sondern sich an den Grundwerten unserer Kultur für die Standortbestimmung zukunftsweisend zu orientieren. Till de Kock hat die Grenzen von Ästhetik zur Monströsität nie überschritten. Er war offen zur Avantgarde, selbst wenn sie sich im experimentellen bis zu einer Gratwanderung bewegte, aber ablehnend bei Grenzüberschreitungen von Ästhetik, Ethik und Moral. Die seelische Verwandtschaft zur Figur des Kaspers, der in Gestalt eines Narren in allen Kulturen zu finden ist, ist unverkennbar.
Sein Wissen und Können war auch an den Ausbildungsstätten gefragt. Beim Deutschen Institut für Puppenspiel in Bochum, an der Fortbildungsstätte Idstedt und der Hochschule in Stuttgart, Studiengang Figurentheater, hat er Seminare gegeben. Im Laufe der letzten 20 Jahre haben sich im Figurentheater Spielinhalte und Spielformen verändert. Die Werke von Till de Kock stehen nicht mehr im Vordergrund der Szene. Mit den Hohnsteinern ist auch für Till de Kock eine Epoche zu Ende gegangen.
Im Museum in Bad Kreuznach ist er mit 13 Inszenierungen und mit einer Anzahl Einzelfiguren vertreten. Darunter sind Meisterwerke wie „Der klingende Teppich“, „Die rote Lu“, aber auch die Inszenierungen „Hotzenplotz“ von Fritz Leese, „Faust und Jedermann“ von der Bühne Sagert, „Die kleine Hexe“ und „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ der Bühne Engler, „Das kalte Herz“ der Hohenloher und „Rumpelstilzchen“ der Bühne Biondino. Diese Arbeiten hat er in dieser Klasse nur einmal geschaffen. Mit den Figuren, den Entwürfen, den Schablonen und der Werksatt von Till de Kock kann das PuK – Museum für PuppentheaterKultur in Bad Kreuznach –  das Werk des großen Meisters eindrucksvoll präsentieren.
Seine Lebensgefährtin Hildegard Hartmann ist im Schatten des Meisters geblieben obwohl sie die Kostüme für den größten Teil seiner Figuren geschneidert hat. An den Kostümen der Figuren „Der Diener zweier Herren“ ist zu erkennen, welchen hohen Grad schöpferischen Könnens sie erreicht hat. Sie war die Seele des Unternehmens, sie hat die Kontakte gepflegt. Ihren Tod im Januar 1997 hat Till de Kock nicht mehr verkraftet.
Am 28. Mai 2000 rief er bei mir an und sagte, dass er noch einen Kaspersatz mit 6 Handpuppen gefertigt hätte, die bestellt waren aber nicht abgeholt wurden. Ich habe ihm gesagt, dass ich sie übernehmen werde. Damit hatte ich nach seinen ersten Puppen auch seine letzten Puppen in die Sammlung übernehmen können. Zwischen ihnen liegen 54 Schaffensjahre. Die Anzahl der Hand-, Stabfiguren und Marionetten, die er in diesen Jahren geschaffen hat, ist nicht mehr feststellbar. Nach einer Hochrechnung sind wir auf eine Zahl von annähernd 20.000 Figuren gekommen. Sie gingen an zahlreiche Puppenspielfreunde und ca. 60 Berufsbühnen in aller Welt.
Mit der Abgabe seiner Werkstatt im Jahr 2003 hat der große Meister seine Schnitzeisen aus der Hand gelegt. Er lebt jetzt, hoch betagt, in einer Einrichtung in Bad Lauterberg, um ihn ist es still geworden. Sein Name und sein Werk wird nicht in Vergessenheit geraten, solange es Menschen gibt, die sich an seinen Figuren erfreuen. Ich würde mir wünschen und hoffe, dass in nicht allzu ferner Zeit das Werk von Till de Kock noch einmal in einer Wechselausstellung herausgestellt wird.
Karl-Heinz Rother
Dieser Artikel aus dem Nachlaß von Karl-Heinz Rother wurde von Jens Welsch und Jürgen Maaßen zur Veröffentlichung aufbereitet.

Aktuell

PuK – das Museum für PuppentheaterKultur -wird Till de Kock eine Sonderausstellung widmen. Die Ausstellungseröffnung ist für den 10.09.2015 vorgesehen. Begleitend hierzu wird eine Monografie zur Arbeit von Till de Kock herausgegeben.